Fahrplanauskunft

Blind Date auf Fehmarn

Tour-Nummer 06 / 2018

Zum Dunkelexperiment nach Burgstaaken auf Fehmarn

  • geht auch bei Schietwetter
  • toll für Familien
  • für das mittlere Budget

Es ist dunkel. Stockdunkel. Das liegt an der Schlafmaske, die ich seit einer Minute trage. Aber schlafen darf ich noch nicht. Es ist auch erst 11 Uhr am Vormittag. Etwas früh für ein Nickerchen. Aber zurück zur Schlafmaske: Die verdanke ich meiner Patentochter Hanna. Denn sie hatte die Idee für einen Ausflug in die Dunkelheit: „Es heißt Dunkelexperiment. Dazu müssen wir nur nach Burgstaaken auf Fehmarn.“ Auf die Insel fahren möchte ich gerne. Und ein Ausflug mit meiner Patentochter stand ohnehin schon lange an. Also: Nichts wie los! 

Ganz entspannt ging’s mit dem Zug nach Burg auf Fehmarn und vom Bahnhof war es dann noch ein schöner halbstündiger Spaziergang bis zum Hafen, wo die Halle des Dunkelexperiments steht. Hier bekamen Hanna und ich gleich zu Beginn einen Taststock, eine Schlafbrille und eine kurze Einweisung („Bitte nicht sprechen!“). Und jetzt stehe ich hier: Am Beginn meines Weges in die Dunkelheit. Genauer gesagt: in die Stockdunkelheit. Aber das hab ich ja schon einmal gesagt. Doch für einen Kontrollfreak wie mich ist das hier nicht gerade ein Honigschlecken. 

Langsam taste ich mich vor. In der linken Hand den Taststock, mit dessen Ende ich eine kontinuierliche Hin-und-Her-Bewegung mache. Hinter mir Hannas Atem. Was ich noch höre, sind das Rascheln von Blättern und der Ruf einer Eule. Oder war es eine Nachtigall? Ich bin verwirrt, weil mir eben ein entscheidender Sinn fehlt. Da spüre ich einen kalten Luftzug im Gesicht. Mit meiner rechten Hand taste ich mich an einem geschliffenen Holz entlang. Dann stößt meine Hand an etwas Hartes. „Uähh, was ist das denn?“, entfährt es mir und meine Hand zuckt zurück. „Pscht“, höre ich es hinter mir. Meine Hand setzt ihren tastenden Weg fort. Ich spüre etwas Weiches, Fellartiges, dann Spitzes. Könnte ein Frettchen sein. In jedem Fall fühlt es sich wild an. 

Weiter geht’s auf unserem Waldspaziergang, an einem Eberkopf entlang (kurzer Aufschrei), dann erst links in eine Wohnung und rechts in einen Supermarkt. Aus dem Off nennt uns eine Stimme die Besonderheiten der jeweiligen Bereiche. Ich rieche an etwas Rundem. „Ein Apfel!“, sage ich stolz – da zischt es wieder hinter mir: „Leise!“ Hanna hat ja recht. Doch dass ich mich langsam, ganz langsam an die Dunkelheit um mich herum gewöhne und tastend, hörend und riechend die Welt erkunde, das ist für mich schon etwas Besonderes. 

Wenig später bittet uns die Stimme, unsere Masken abzunehmen. Wir stehen in einem hellen Raum mit mehreren Tischen in der Mitte, auf denen kleine Experimente aufgebaut sind. Doch als Erstes zieht es mich zu den Rollstühlen, die auf der rechten Seite warten. Diesmal lasse ich Hanna den Vortritt, pardon, den ersten Anschub. Es ist gar nicht so leicht, locker den Rollstuhl-Parcours zu nehmen. Auf dem Slalom-Abschnitt verlasse ich gleich mehrfach die Ideallinie. Die finde ich ebenso wenig, als ich kurz darauf mit einer Brille, die einen gehörigen Alkoholkonsum simuliert, versuche, einen Ball in eine Tonne zu werfen. 

Hinter mir quietscht Hanna. Sie torkelt durch den Raum. Dabei soll sie doch einfach nur auf einem Strich am Boden entlanggehen. Sie schafft es einfach nicht. An der nächsten Station probieren wir uns am Malen mit unseren Mündern, mit einem Stift zwischen den Zähnen. Auf Hannas Bild ist ein Haus zu erkennen. Meine Zeichnung erinnert eher an abstrakten Expressionismus. Mehr Erfolg habe ich beim Legen von Wörtern in Blindenschrift.

Weiter geht es für uns an einem übergroßen Porträt des blinden Musikers Stevie Wonder entlang zur Geruchs-Station. Vanille erkenne ich schnell. Aber Kaffee, Popcorn und Erdbeeren? Ist alles gar nicht leicht zu identifizieren. 

Vor der nächsten Tür setzen wir unsere Schlafmasken wieder auf und nehmen die Taststöcke in die Hand. Wir sind in einem Straßenareal. Hinter mir hupt es, links ertönt ein Pfiff. Reifen quietschen. Rechts von mir ertaste ich eine Motorhaube, weiter hinten den Eingang zu einem Bus. Im Innenraum ist es immerhin etwas weniger laut. Ich bin froh, wenig später meine Maske abzunehmen. 

Kurz danach laufen wir Christina Schröder in die Arme. Gemeinsam mit ihrer Schwester Tanja hatte sie die Idee zum Dunkelexperiment. „Gleich nach dem Besuch der Ausstellung ‚Dialog im Dunkeln‘ in Hamburg“, erzählt sie. 

Die beiden setzten sich mit Anke Dose in Verbindung, der stellvertretenden Landesvorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein. Und die gab ihnen hilfreiche Tipps. Nach einigen Monaten stand das Konzept für eine 1.000 Quadratmeter große Ausstellung. Die Erzieherin und die Krankenschwester nahmen eigenes Geld in die Hand und machten sich mit viel Eigenarbeit ans Werk. Im Frühjahr 2016 eröffnete das Dunkelexperiment. 

Was sie gelernt habe bei der Umsetzung dieses Projekts? „Dankbar zu sein“, sagt sie. Dem stimmt auch Hanna sofort zu: „Der Weg durch die Dunkelheit schärft das Bewusstsein. Es zeigt, wie viel leichter wir Sehenden es in der Welt haben und mit welchen Herausforderungen blinde Menschen leben.“ Ich nicke stumm, gebe meinen Taststock ab – und gehe hinaus ins Sonnenlicht.

Michael Fischer

Ö:

Von Kiel aus fährt zwei Mal pro Stunde ein Zug nach Bad Schwartau oder Lübeck, von dort fährt alle zwei Stunden die RB 85 nach Burg auf Fehmarn. Der erste Zug fährt um 5:44 Uhr und der letzte um 21:44 Uhr. Am Wochenende unterscheiden sich die Abfahrtszeiten teilweise minimal.

Angekommen am Bahnhof in Burg auf Fehmarn sind es noch 2,4 Kilometer zum Dunkelexperiment. Diese Strecke bestreiten Sie am besten zu Fuß und genießen in dieser halben Stunde die vielen schönen Häuser auf Fehmarn. Mit dem Fahrrad dauert die Strecke ca. 8 Minuten. Zurück fährt alle zwei Stunden ein Zug mit Umstieg in Bad Schwartau nach Kiel. Hier fährt der erste um 5:30 Uhr und der letzte um 21:31 Uhr.

Info

Das Dunkelexperiment

(Museum für Bildung und Integration DX GmbH)
Hafenstraße 69
23769 Fehmarn
T 043 71.87 92 47
www.dunkelexperiment.de

Geöffnet ist das Dunkelexperiment in den Sommermonaten des Jahres; immer vom Anfang der Oster- bis zum Ende der Herbstferien in Schleswig-Holstein. Öffnungszeiten bis September: 10–18 Uhr, danach: 11–17 Uhr.

Eintritt: Kinder 10 Euro, Erwachsene 11 Euro.