Fahrplanauskunft

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Tour-Nummer 05 / 2018

Unterwegs in der Fotostadt Hamburg

  • Kunst und Kultur
  • Leckereien unterwegs
  • für das mittlere Budget

Drei Frauen in einem Café – das ist erst mal nichts Ungewöhnliches. Wenn aber eine der anderen ein weißes Blatt Papier als Aufheller unters Kinn hält und die Dritte davon Fotos macht, gucken die Leute an den Nebentischen schon mal kurz von ihrer Zeitung hoch. Sie können ja nicht wissen, dass Kaja, Jule und ich mittendrin in unserem Foto-Workshop sind und gerade üben, verschiedene Lichtquellen und ihre Wirkung auf ein Motiv wahrzunehmen. Die Kellnerin der „Erste Liebe Bar“ jedoch ist einiges gewöhnt und versorgt uns charmant mit hausgemachter Limonade. 

Für unsere Tour durch die Fotostadt Hamburg haben Kaja und ich die Rollen getauscht. Als Fotokünstlerin und Dozentin gibt heute sie den Ton an. Die Aufgaben, die sie für Jule und mich vorbereitet hat, führen uns an verschiedene Orte der Stadt. Unsere fotografische Stadterkundung ist ein Experiment: Als Hausaufgabe sollten wir uns vorab eine Frage überlegen, der wir später im Karoviertel mit unseren Kameras nachgehen wollen. Aber welche Geschichten wir am Ende mit unseren Bildern wirklich erzählen werden, wissen wir anfangs nicht. 

In Bildern zu denken, braucht viel Erfahrung. Die hat Jule zwar schon, denn sie ist ebenfalls Fotografin. Aber sie steht auf Workshops und ist gespannt, was sie als Hamburgerin Neues entdecken wird. Für weniger Erfahrene wie mich ist Kajas Ansatz Gold wert. Ihr geht es nicht darum, wie wir das Beste aus unseren Kameras herausholen. „Das Entscheidende ist, sich zu fokussieren“, betont sie. „Auf dein Thema, aber dann auch auf dich selbst. Du hast ja immer die ganze Welt um dich herum. Mit einer Ausgangsfrage zu arbeiten, ist eine tolle Übung, sich auf etwas zu konzentrieren und alles andere, was nichts damit zu tun hat, wegzulassen.“ Klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. 

Damit sind wir schon bei der nächsten Aufgabe, die wir im Laufe des Tages noch öfter wiederholen werden. Inspiration aus der Gruppe, und sei sie auch noch so klein, hilft, die eigene Perspektive zu schärfen. So grooven wir uns wie nebenbei auf unsere fotografische Arbeit ein. Jule beschäftigt der Wandel des Karoviertels zur schicken Einkaufsmeile schon lange. „Das Alternative, Punkige, das mich immer angezogen hat, verschwindet. Wo ist es noch zu finden? Das möchte ich zeigen.“ Ein bisschen fühle ich mich ertappt, denn ich liebe die Marktstraße gerade wegen einiger Modedesignerinnen, die immerhin schon lange ihre Ateliers hier haben. Da ich wenig anderes als diese Straße kenne, lautet meine Frage: Was steckt dahinter? „Das ist ja eine Lebensaufgabe!“, lacht Kaja. „Die darfst du für den Anfang gerne noch ein bisschen eindampfen.“ Wo sie recht hat, hat sie recht, und so werde ich meinen Blick auf das „Karoviertel, 2. Reihe“ richten.

Bevor Kaja uns auf das Quartier loslässt, tanken wir nach unserer Lichtübung noch ein bisschen Inspiration. Am Buchladen im „Haus der Fotographie“ führt einfach kein Weg vorbei. Ein Abstecher in die FREELENS Galerie des Verbands freier Fotografinnen und Fotografen rundet die Einstimmung auf unsere eigenen Themen ab. 

Ortswechsel. Die U-Bahn bringt uns zur Feldstraße und nach einem ausgiebigen Imbiss bin ich plötzlich allein. Mit meiner Frage, der Kamera und dem Viertel. Ein schmaler Gang führt mich zu einem Hinterhof, der sich zu einem Garten weitet. Woher kommt das Licht? Was mache ich mit der Perspektive? Das Gelernte schwirrt mir durch den Kopf. Dann atme ich durch. Nehme die Freitagnachmittagsruhe wahr. Die Abwesenheit von Geschäftigkeit jenseits der trubeligen Marktstraße, dafür unerwartet Normales. Kinderlachen von einem Spielplatz. Zeugnisse von Geselligkeit und Gemeinschaft, viel Leerraum, wenig Menschen. Die „2. Reihe“ hat eine ganz eigene Ordnung, entdecke ich. Und die halte ich schließlich fest.

Nach zweieinhalb Stunden treffen wir uns wieder. Erschöpft, aber auch ein bisschen stolz zeigen wir uns gegenseitig unsere Beute. Jule hat die Antwort auf ihre Frage in den Hauseingängen gefunden, deren Graffitis die „Handschrift eines Viertels“ tragen. Ich bin beeindruckt: „Das sind ja richtige Porträts!“ Kaja ist von der Stimmung angetan, die das Licht auf Jules Bildern erzeugt. In der kurzen Zeit konnten vielleicht noch keine Geschichten entstehen. Aber so wie heute habe ich das Viertel noch nie gesehen. Der intensive Kontakt hat ganz eigene kleine Serien hervorgebracht – Experiment geglückt.

Susanne Kollmann

Ö:

Mit der U3 ab Hamburg Hauptbahnhof bis Haltestelle „Feldstraße“, die Kreuzung überqueren und geradeaus weiter ins Karolinenviertel.