Fahrplanauskunft

Vier Adleraugen und der Lotuskohlrabi

Tour-Nummer 07 / 2018

Ein Familienausflug nach Malente

  • aktiv und draußen
  • toll für Familien
  • raus in die Natur
  • für das schmale Budget

Der Seeadler ist größer als ich, blickt mit einer beunruhigend lässigen Ernsthaftigkeit auf mich herab und lässt auch meine Frau Anne, meinen Sohn Moritz und unsere Begleitung Manuel keine Sekunde aus den Augen. Stellen Greifvögel eigentlich ihre Nackenfedern auf, wenn sie Beute sehen? Ich bin nicht sicher. Zum Glück ist der überlebensgroße Kopf dieses Seeadlers nur aus Holz und steht am Eingang des Naturlehrpfads WunderWeltWasser in Bad Malente. 

Moritz hat bereits zwei Tages-Highlights hinter sich: die erste Bahnfahrt seines einjährigen Lebens und den Spielplatz gleich um die Ecke. Während der rund 40 Minuten von Kiel nach Bad Malente-Gremsmühlen war der Kleinste im Regionalexpress mal wieder der größte Entertainer: immer mit breitem Grinsen und quietschfidelem Lachen durch den Wagen krabbelnd unterwegs, um Faxen zu machen und dabei mit möglichst vielen Fahrgästen Freundschaft zu schließen. 

Angekommen in Malente, ging es bei schönstem Sommerwetter in knapp 20 Minuten zu Fuß vorbei am Kurpark und an diversen Eiscafés bis zum Schiffsanleger Janusallee. Dort liegt links der Eingang zum Naturlehrpfad WunderWelt - Wasser und geradeaus ein Spielplatz mit Klettergerüst, Federwippe und einer Holzkonstruktion in Form eines Schiffsbugs. Da erwachsener Bildungshunger gegen kindliche Begeisterung keine Chance hat, bekletterte Moritz erst mal ausgiebig den Kahn, pflügte durch den Sand und knüpfte zarte Bande mit einem Mädchen, das kokett an einem blauen Steuerrad dreht, das stark an einen Seestern erinnert. 

Von der ganzen Action ist der kleine Mann nach einer knappen Stunde so erschöpft, dass er die Augen kaum noch offen halten kann, als wir endlich dem majestätischen Adlerkopf gegenüberstehen. „Naturerlebnisraum“ steht auf einem gelben Schild unter zwei Bäumen, die einen grünblättrigen Durchgang bilden. Dahinter schlängelt sich der Naturlehrpfad durch das Erlenbruchgebiet an der Malenter Au. Erlen ... was? Das müssen wir erst mal googeln. 

Das Internet klärt auf: Ein Bruchwald ist ein permanent nasser, langfristig gefluteter und sumpfiger Wald. Namensgebend für den Erlenbruchwald ist die Rot- oder auch Schwarzerle – übrigens der Baum des Jahres 2003, wie wir erfahren. Damit die Besucher die sumpfigen 13 Hektar der WunderWeltWasser trockenen Fußes durchqueren können, sind die unterschiedlichen Biotope und Areale durch Holzstege miteinander verbunden, die unserem Ausflug einen gewissen SyltAppeal verleihen.

Unterwegs warten dann quasi nach jeder Kurve neue NaturEnthüllungen – zu Kröten und Erlenblattkäfern, Weiden-Arten und Wasserpflanzen, Vogelstimmen und Libellenkörpern. Der Adlerkopf vom Eingang taucht auch auf den Infotafeln immer wieder auf und gibt entweder „Adlertipps“ oder stellt „Adlerfragen“, die immer mit „Hallo Adlerauge!“ beginnen. So erfahren wir zum Beispiel, dass es tatsächlich blaue Frösche gibt. Allerdings nur im Frühjahr, wenn die männlichen Moorfrösche für kurze Zeit die Farbe wechseln – wahrscheinlich, um die Weibchen zu beeindrucken. Sämtliche Fakten werden mal übersichtlich auf Schautafeln präsentiert, mal anhand von Modellen veranschaulicht und mal mit der Aufforderung versehen, eine neue Erkenntnis gleich an Ort und Stelle selbst auszuprobieren. 

Zum Beispiel den Lotuseffekt: Etwas abseits des Weges zeigen vier überdimensionale Blatt-Modelle, wie sich Wasser auf unterschiedlichen Oberflächen verteilt. Auf der zugehörigen Schautafel fordert uns der Adler auf, den Lotuseffekt selbst auszuprobieren, indem wir unterschiedliche Blätter sammeln und Wasser darauf spritzen. Als ich mich zu den anderen drei Adleraugen umdrehe, hat meine Frau schon einen veritablen Strauß Blätter in der einen Hand und schöpft mit der anderen Wasser aus einem Holztrog darüber, um dann mit kritischem Blick den jeweiligen Perleffekt zu begutachten. Fun Fact: Zu den heimischen Pflanzen, die den exotisch klingenden Lotuseffekt zeigen, gehören unter anderem Kohl und Kohlrabi. 

Ein paar Meter weiter ragen drei runde Schautafeln zur Biodiversität aus dem üppigen Grün, also zur Artenvielfalt in unterschiedlichen Ökosystemen. Die zeigen durch bunte Segmente verschiedener Größe die Häufigkeit von Wasser-Pflanzen, Wasser-Insekten und Wasser-Tieren in Deutschland und erinnern dabei ein bisschen an drei Zeitreise-Portale aus einem Science-Fiction-Film. Und so geht es weiter: vorbei an überlebensgroßen Modellen von Libellenkörpern, an Weidenzäunen mit Sichtfenstern und an Holzblumen, deren Größe die Häufigkeit der Blü- tenfarben auf deutschen Wiesen repräsentiert – und natürlich an jeder Menge Adlertipps und Adlerfragen. 

Während die Erwachsenen die Natur erforschen, schnarcht der Junior schon längst selig in seinem Buggy vor sich hin. Er wird erst wieder aktiv, nachdem wir uns auf den Rückweg gemacht haben und uns in einem der zahlreichen Restaurants in Bahnhofsnähe bei bestem Blick aufs Wasser mit Backfisch und Labskaus für die Bahnfahrt nach Hause stärken. Auch in diesem Zug erkennt Moritz übrigens zielsicher, welche Fahrgäste sich durch seinen Charme am besten zum Rumkaspern animieren lassen. Ein echtes Adlerauge eben.

Henning Krönigkeit 

Ö:

Ab Kiel oder Lübeck mit RE 83 oder RB 84 tagsüber zwei Mal stündlich bis Bad Malente-Gremsmühlen. Ab Bahnhof sind es rund 20 Minuten Fußweg bis zur Janusallee. 

Info

WunderWeltWasser Janusallee/Anleger Kellerseefahrt
23714 Bad Malente

Geöffnet von April bis November täglich von 8 bis 18 Uhr.

Der Eintritt ist frei.

Naturkundliche Führungen für Schulklassen, Vereine oder allgemein naturkundlich interessierte Menschen können auf Anfrage beim Tourismus-Service Malente gebucht werden. www.malente-tourismus.de