zurück

In 60 Minuten durch acht Jahrhunderte

Tour-Nummer: 05 / 2012

Eine archäologische Entdeckungsreise in Lübeck (Susanne Kollmann)

Knallgrün leuchtet es vor feuchter, tiefschwarzer Erde auf. Wie verfaulte Zähne skorbutbefallener Seeleute ragen Holzstümpfe aus dem Boden. Eine Steintreppe führt scheinbar ins Nichts. Über allem eine Brückenkonstruktion aus heller Fichte. Im Schutz eines riesigen Bauzelts im Westen der Lübecker Altstadtinsel blicken wir etwa drei Meter tief auf die derzeit größte Grabungsstätte zur Geschichte der Hanse hinunter.

Unten rutschen Männer in Overalls oder kniegepolsterten Latzhosen auf Knien. Es wird gepinselt, gekratzt und geglättet. Alles in Handarbeit, mal millimeter-, mal zentimeterweise. „Also ich könnte das nicht“, raunt meine Freundin Valeria mir unumwunden zu. „DAS ALLES freizulegen, aufzuzeichnen und zu beschreiben. Diese Geduld ... Ich glaube, ich würde durchdrehen!“ Seit Oktober 2009 wird hier gegraben und geforscht. Bis Ende 2013 werden insgesamt rund 9.000 Quadratmeter Stadtgrundrissfläche untersucht.

Inzwischen ist es 14 Uhr und wir gehen als Teil einer Gruppe mit Heiko Kräling auf Spurensuche. Der Archäologe ist ein guter Erzähler. Wir hören die Geschichten von damals, und die Jahrhunderte scheinen plötzlich nebeneinander zu liegen, das eine etwas höher, das andere etwas tiefer – so habe ich Geschichte noch nie gesehen. Und ohne Leute wie Heiko Kräling könnte ich Ton, Steine und Holz gar nicht lesen. Valeria und ich sind uns einig: Bis Ende 2013 gucken wir uns ganz sicher noch das eine und andere neue Kapitel an.

Susanne Kollmann

Ö:
Mit Regionalbahn und Regionalexpress mindestens stündlich aus Richtung Kiel und Hamburg nach Lübeck Hbf, von dort 10 Minuten Fußweg in die Innenstadt.

Info:
Der Fußweg vom Bahnhof zur Grabungsstätte dauert ca. 15 Minuten. Aus dem Bahnhof links der Konrad-Adenauer-Straße folgen, den Lindenplatz überqueren und immer geradeaus Richtung Holstentor gehen. Hinter dem Holstentor der Holstenstraße folgen, links in die Lederstraße und kurz danach rechts in die Braunstraße biegen. Das große Zelt ist nicht zu übersehen. Führungen jeden Montag um 14 Uhr (außer an Feiertagen), Erwachsene 2 Euro, Kinder bis 16 Jahre 1 Euro. Treffpunkt ist am InfoPoint, Braunstraße 14, www.ausgrabunggruendungsviertel.luebeck.de.

Tipps zur Tour

Tipp 1

Vorher informieren.

„Guten Tag, wir graben hier!“ In der sehenswerten Ausstellung im InfoPoint lernen Besucher nicht nur das Team kennen, sondern erfahren jede Menge über Hinter­gründe, Ziele, erste Funde und Erkenntnisse der Grabung. Braunstraße 14, Mo.–Do. 8:00–15:30 Uhr, Fr. 8:00–18:00 Uhr, Sa. + So. 10:00–18:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Tipp 2

Vorher speisen.

Bei Miera zu Tisch heißt es täglich zwischen 12 und 15 Uhr in der Hüxstraße 57. Für das dreigängige Mittagsmenü sollte man sich etwas Zeit nehmen, im Sommer unbedingt im Garten sitzen – und hinterher eine Flasche vom selbst importierten Olivenöl mitnehmen.
Mo.–So. 9:30–24:00 Uhr, T 0451.77212, www.miera-luebeck.de.

Tipp 3

Nachher einkaufen.

Eine braucht frisch gemahlenen Mohn, ein anderer Fleckentferner für sein Zelt, der nächste will die Nachbarskatze vom Grundstück fernhalten; hier findet man aber auch Bürsten, Oblaten oder eine Spieluhr, die „La vie en rose“ spielt. Lübecker Handel heute: Drogerie Grabner, Inh. Martin Redetzki, Pfaffenstraße 18–20, 23552 Lübeck.

Tipp 4

Nachher entdecken.

Es gibt viele Stadtführer über Lübeck, aber nur einen aus dem Michael Müller Verlag. Fünf Stadtspaziergänge schlägt Wahl-Lübecker Matthias Kröner vor und gibt dazu viele Tipps. Es ist klar: Ein Tag für die Hansestadt ist viel zu kurz. Lübeck MM-City, 192 Seiten, 1. Aufl. 2011, 9,90 Euro.

zurück